Nach dem Triell der 3 Kanzlerkandidaten gestern bei RTL geben wir Ihnen einen Kommentar von Herrn
Gabor Steingart                                                 30.08.2021
Bleibtreustr. 20
10623 Berlin                
zur Kenntnis weiter, weil wir ihn für lesenswert halten!   


                                                                                    Guten Morgen,
das beherrschende Thema aller Medien ist heute Morgen das erste TV-Triell der Kanzlerkandidaten. Millionen Zuschauer hatten RTL eingeschaltet. Fast zwei Stunden wurde – moderiert von Pinar Atalay und Peter Kloeppel – in Berlin Adlershof debattiert. Dazu fünf Anmerkungen: 1. Annalena Baerbock ist von ihrem Stolperstart genesen. Sie war die Angriffsfreudigste in der Runde – forsch, manchmal auch frech. Falls sie in den letzten Wochen die Selbstzweifel gequält haben sollten, wovon auszugehen ist, ließ sie sich gestern nichts anmerken. Ihr Lächeln wurde an- und ausgefahren wie ein Klappmesser. Ihr Lieblingsopfer: Armin Laschet.
   
2. Olaf Scholz blieb auch in dieser Runde der, der er ist. Er hat nun mal als SPD-Generalsekretär in der Munitionsfabrik für politische Propaganda seine Lehre absolviert. Er weiß, wie man die Worte balanciert, die Mimik unter Kontrolle hält und persönliche Beziehungen im politischen Nahkampf einsetzt. So gesehen war sein Kompliment an Annalena Baerbock („Engagierte Politikerin”) nicht persönlich, sondern politisch. Nur mit ihr kann – und will – er weiter eine führende Rolle in der Bundespolitik spielen. Rot-Grün lebt – und sei es in der Fantasie der Akteure.
 
3. Armin Laschet war besser als sein Ruf. Er hat gekämpft, aber überrascht hat er nicht. Sein Diktum, die Tassen im Schrank zu lassen, ist vernünftig, aber macht im Fernsehen nicht viel her. Das Modernisierungsjahrzehnt, von dem in seinen Vorträgen jetzt oft die Rede ist, spielte gestern Abend keine Rolle. Stattdessen versprach er Kontinuität und Stabilität. Damit fiel er hinter die eigene Erkenntnis und – wichtiger noch – hinter die objektive Notwendigkeit des Landes zurück. Mit dieser Art Performance, die man ohne Polemik als „Wahlkampf ohne Kampf“ beschreiben kann, gewinnt man den Ehrenpreis der Humanistischen Union, aber nicht das Kanzleramt. 4. Die Machtfrage wurde im Schlussakkord doch noch angesprochen. Laschet nahm all sein Provokationspotenzial zusammen und thematisierte die Camouflage des SPD-Kandidaten bezüglich der Linkspartei. Die Tatsache nämlich, dass der Scholz-Wähler nicht sicher sein kann, dass seine Stimme machtpolitisch nicht doch an die Linkspartei weitergereicht wird, bleibt die große Unheimlichkeit dieser Wahl. Das eben unterscheidet die Scholz-Wahl von der Helmut-Schmidt-Wahl. Wer 1976 Schmidt wählte, bekam Schmidt. Der Mann war unverbiegbar. Wer Scholz wählt, ist womöglich nur der Steigbügelhalter für eine errötete Republik.
5. Der gute Journalist muss – um mit dem Dichter und Futuristen Wladimir Majakowski zu sprechen – der Wirklichkeit eine Stunde voraus sein. Doch der Blick um die nächste Biegung fehlte gestern Abend. Das Moderatoren-Pärchen war der journalistischen Augenblicksgier verfallen. Dabei haben wir es nach 16 Jahren Merkel mit einem veritablen Reformstau zu tun. Hinterm Horizont geht es so nicht weiter. Die Staatlichkeit ist verstaubt; die demografischen Probleme schieben sich wie eine Endmoräne ins Tal der Zukünftigen, das geostrategische Denken scheint ausgestorben und über alledem thront eine Kanzlerin, so starr und so wächsern als hätte Madame Tussauds sich ihrer zu Lebzeiten schon angenommen. Nichts davon wurde adressiert – von den Moderatoren nicht, aber eben auch nicht von Laschet und Baerbock. Fazit: Der Kontrast zu den amerikanischen Präsidentschaftsduellen könnte größer kaum sein. Im US-Mehrheitswahlsystem – das ein The-Winner-Takes-It-All-System ist – wird mit harten Bandagen um die Macht gerungen: Der oder ich, lautet die Frage. Das deutsche Verhältniswahlrecht bringt immer mehr als einen Gewinner hervor. Das bedeutet: Die Gegner von gestern sind die Koalitionspartner von morgen.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s